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„Digitalisierung fängt im Kopf an“ - Interview mit Dr. Marc Ullrich

Obwohl die digitale Infrastruktur vorhanden ist, ist die Digitalisierung in einem Teil der Unternehmen noch nicht angekommen. Das zeigt sich besonders deutlich in der Corona-Krise.

Nordhessen - Seit 2010 kümmert sich die Broadband Academy mit Sitz in Kornwestheim und Büros in Bad Hersfeld und Kassel um den Breitbandausbau. Mit dem Geschäftsführer Dr. Marc Ullrich, der aus dem Hersfelder Stadtteil Asbach stammt, sprach Kai A. Struthoff.

Herr Dr. Ullrich, was macht die Broadband Academy genau?

Wir sind ein Planungs- und Beratungsbüro, und wir unterstützen Städte und Gemeinden, aber auch private Netzbetreiber beim Ausbau des Breitbandnetzes. Dabei geht es sowohl um den Glasfaser- wie auch den Mobilfunkausbau.

Obwohl es Ihr Büro seit zehn Jahren gibt, sind Sie in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt?

Das stimmt, wir sind – wie das ganze wichtige Thema Breitbandausbau und Digitalisierung – leider noch nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit. Aber unser Büro ist bundesweit tätig, und wir haben eine Vielzahl von großen Referenzprojekten, wie beispielsweise die Breitband Nordhessen GmbH. Wir beraten aber unter anderem auch große Städte wie die Freie und Hansestadt Hamburg sowie Landes- und Bundesbehörden.

Gerade jetzt in der Corona-Krise wird digitale Kommunikation, das Arbeiten im Homeoffice, immer wichtiger. Sind wir dafür hier im ländlichen Raum gut aufgestellt?

Ja und nein: Die digitale Infrastruktur, also der Ausbau der Glasfasernetze auch im ländlichen Raum als Basis der Digitalisierung, kommt voran. Inzwischen rollen wir Glasfasernetze auch in entlegene Dörfer aus. Auch beim Mobilfunk wird im ländlichen Raum nachgerüstet. Das ist auch wichtig.

Und wo hapert es?

Die Digitalisierung ist noch nicht bei den Anwendern, in den Köpfen der Leute angekommen. So fangen viele Unternehmen erst jetzt in der Corona-Krise an, Laptops für die Mitarbeiter im Homeoffice zu organisieren, es fehlt oft an Software, beispielsweise für Video-Konferenzen, und viele Geschäftsmodelle und -prozesse sind eben noch nicht in der digitalen Welt angekommen. Da muss noch viele passieren.

Viele Schüler lernen jetzt zu Hause und bekommen ihre Aufgaben digital. Trotzdem sind die Schulen noch nicht ausreichend vernetzt, oder?

Nicht nur Schulen, sondern viele öffentliche Einrichtungen haben Nachholbedarf, das ist richtig. Aber auch diese Lücke wird in Nordhessen gerade geschlossen – auch dank des Bundesförderprogramms Breitband für Schulen. Die Landkreise nutzen das, und Nordhessen ist ganz vorn. Allein im Gebiet der Breitband Nordhessen werden 90 Schulen ans Glasfasernetz angeschlossen.

Wie ist es mit älteren Mitbürgern? Was kann die öffentliche Hand tun, um auch sie fit für die Digitalisierung zu machen?

Es gibt dazu bislang nur wenige Studien. Aber Länder, die mehr in Informationen, Schulungen und die Nutzung von Anwendungen im digitalen Bereich investiert haben, verzeichnen auch höhere Nutzerzahlen bei älteren Menschen. Deutschland fokussiert sich hier meines Erachtens zu stark rein auf die Infrastruktur. Deshalb brauchen wir auch hier Modellprojekte, in denen man gemeinsam mit Senioren überlegt, was man digital für sie tun kann und wie man die entsprechenden Medien nutzen kann.


Zum Beispiel?

Es gibt bereits löbliche Initiativen, wo beispielsweise Schüler älteren Menschen den Umgang mit Handy, Internet und sozialen Medien erklären. Es fehlt aber noch an Förderprogrammen des Bundes für die Anwenderseite, denn bislang wird eben meist in die Infrastruktur investiert. Solche Projekte könnten die digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern helfen.

Viele Firmen im ländlichen Raum klagen darüber, dass sie nicht über ausreichend schnelles Internet verfügen. Sehen Sie das auch so?

Auch hier findet viel in den Köpfen statt. Bei unserer Beratungsarbeit stellen wir fest, dass inzwischen fast überall in Deutschland eine so ausreichende digitale Versorgung gegeben ist, dass auch Betrieben in fast jedem Fall ermöglicht werden kann, leistungsfähigere Leitungen als die für Privatkunden zu erhalten. Aber wenn ein Unternehmen solch leistungsfähigere Leitungen benötigt und haben will, dann kostet das nun auch mehr als für den normalen Privatkunden. Das müssen Unternehmen einkalkulieren, denn auch die digitale Infrastruktur kostet eben Geld und gehört heute nun einmal zum Kern eines jeden Geschäftsmodells.

Beim Mobilfunknetz gibt es in unserer Region noch viele Löcher. Der Versuch 5G-Modellregion zu werden ist ja gescheitert?

Die Unterversorgung beim Mobilfunk hat zunächst nichts mit 5G zu tun. Nur weil Nordhessen bei 5G nicht Modellregion geworden ist, heißt das ja nicht, dass die Region beim Mobilfunk abgehängt wird. 5G ist der neueste Mobilfunkstandard, der nun langsam in den Ausbau gehen wird. Aktuell ist aber die Versorgung über 4G relevant. Aber egal, ob 4G oder 5G, generell gilt: Die Mobilfunkversorgung kann nur dadurch besser werden, wenn das Glasfasernetz weiter ausgerollt wird. Denn jeder Mobilfunkmast muss an einer Glasfaserleitung hängen. Das passiert in Nordhessen, und außerdem gibt es ein Mobilfunk-Förderprogramm, von dem auch die privaten Marktteilnehmer profitieren können. Deshalb bin ich guter Dinge, dass wir auch in Nordhessen zumindest in der mobilen Sprachtelefonie schon mittelfristig keine Unterversorgung mehr haben werden.

Und was ist mit 5G?

Diese Technologie wird auch ohne Modellprojekt kommen. Aber 5G braucht man in erster Linie nicht für das Surfen über das Handy, denn dafür reicht heute auch noch 4G. Das noch schnellere 5G-Netz braucht vor allem die Wirtschaft, etwa in der Industrie im Bereich der Sensorik oder gerade auch in der Logistik. Aber auch autonomes Fahren und die Steuerung von Maschinen werden hierauf aufsetzen.

 

Beitrag Werra-Rundschau vom 23.03.2020

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